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Die Anfänge — Wie Hangar entstand

Die Geschichte hinter Hangar: vom ersten Kontakt 2021 über den Besuch in Icaraí bis zu den ersten Treffen mit Jugendlichen. Ein Projekt, geboren aus Präsenz, nicht aus Plänen.

Bettina Bossart
Bettina Bossart ·
Aktualisiert: 19. Juni 2026 · 5 Min. Lesezeit
Goldenes Abendlicht über einem Hügelviertel in Niterói, eine Treppe führt hinab zur Stadt und zur Bucht.

Vertrauen verdient man nur auf eine Weise: indem man immer wieder auftaucht und wirklich zuhört.

Schon als Kind trug ich den Wunsch in mir, etwas Soziales aufzubauen — etwas Echtes, etwas, das wirklich zählt. Nach vielen Jahren in der kirchlichen Arbeit in der Schweiz wurde aus diesem Wunsch langsam eine Praxis. Ich lernte, was es heisst, wenn Glaube nicht beim Reden bleibt, sondern Hand und Fuss bekommt. Und ich lernte, einer Not zuzuhören und mit Präsenz darauf zu antworten — nicht mit Mitleid, sondern mit echter Begegnung auf Augenhöhe.

Im Sommer 2021 schrieb ich einem lokalen Pastor in Rio, Bruno. Wir lernten uns kennen und sprachen über die Bedürfnisse seiner Gemeinde, über das, was möglich wäre, wenn jemand es wirklich versuchte. Aus diesen Gesprächen wuchs eine Idee, die uns nicht mehr losliess.

Im Februar 2022 reisten wir nach Icaraí. Wir wollten das Land und die Menschen kennenlernen, den Ort sehen, die bestehenden Projekte verstehen. Wir besuchten ein Projekt in einer Communidade und begegneten dort einer Realität, die uns berührte. Und wir spürten etwas, das sich nicht mehr ignorieren liess: In Icaraí trennt oft nur eine Strassenseite zwei Welten. Auf der einen Seite der Wohlstand, auf der anderen eine ganz andere Wirklichkeit. Ein Ort, der so dicht nebeneinander lebt, braucht eine Brücke zwischen diesen Welten.

Nach dieser Reise, zurück in der Schweiz, war es für uns klar: Ja, wir versuchen das. Die Entscheidung kam nicht als grosser Plan, sondern als ruhige Gewissheit.

Zwischen Ankommen und Abschied

Bevor das Projekt Gestalt annehmen konnte, führte uns das Leben durch ein bewegtes Jahr. Von Sommer bis Herbst 2024 arbeiteten wir viel — ich in der Schule, Noël an seinem Business. Mitten in dieser Zeit wuchs in uns ein Gefühl der Ruhe, ein Ankommen in diesem neuen Leben in Brasilien.

Doch dieses Ankommen wurde überschattet. Noëls Vater erhielt eine Krebsdiagnose, und nur vier Monate später, im November, starb er. Noël reiste in die Schweiz und durfte seinen Papa noch ein letztes Mal sehen. Statt wie geplant gemeinsam Weihnachten zu feiern, nahmen wir Abschied. Wir verbrachten die Festtage in der Schweiz — mit Familie, mit Freunden, mit schwerem Herzen, aber auch mit tiefer Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahre.

Diese Wochen erinnerten uns daran, woher wir kommen. Stabilität, ein starkes Bildungswesen, funktionierende Infrastruktur — wir wurden für all das neu dankbar. Und mitten in dieser Dankbarkeit spürten wir etwas Überraschendes: Unsere Heimat ist inzwischen Brasilien geworden. Eines unserer Kinder sagte mir, es wolle nicht zurück, die Schweiz sei ihm zu kalt. Unser Jüngstes stand auf einem der schönsten Spielplätze der Schweiz, steckte die Hände in die Hosentaschen und meinte nur, es wolle lieber mit Sand spielen. Ich liebe die Schweiz und die Menschen dort. Aber mein Herz schlägt jetzt hier. Aus dieser Sicherheit heraus durften wir Mitte Januar zurückkehren und ein neues Kapitel öffnen.

Niterói: ein Land der Gegensätze

Um zu verstehen, warum es Hangar braucht, muss man die Realität dieser Stadt kennen. Brasilien ist ein Land voller Ressourcen, und doch haben nur wenige Zugang dazu. Eine breite Mittelschicht fehlt. In Niterói beginnen direkt neben wohlhabenden Vierteln oft die Favelas. Diese Nähe von zwei Welten prägt den Alltag von Tausenden Familien.

Mitten in diesem pulsierenden Leben wächst unsere Kirche, das ICF Rio. Die fünf Pionierjahre gingen zu Ende, und es war Zeit, nach aussen zu blicken. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft liegen drei öffentliche Schulen, die von rund 3000 Kindern besucht werden. Während eines gemeinsamen Projekts sagte uns die Schulleitung, woran es am meisten fehle: an Programmen vor und nach dem Unterricht, an einem Ort, an dem die Jugendlichen aufgefangen werden. Genau dort liegt der Anfang von Hangar.

Die unsichtbare Arbeit

Die ersten konkreten Schritte waren unmittelbar und alles andere als glamourös. Sprache lernen, Kultur verstehen. Ein lokales Projekt von lokalen Menschen für lokale Jugendliche braucht ein echtes Verständnis der Kultur — und das lässt sich nicht übersetzen, das muss man leben.

In der Gemeinde waren bereits rund zehn Jugendliche aus dem Quartier. Mit ihnen und für sie fingen wir an. Sie kannten diesen Ort, seine Rhythmen, seine ungeschriebenen Regeln. Dazu kamen die vielen bürokratischen Schritte, die in Brasilien wahrhaftig nicht einfach sind. Die Bürokratie ist lang und scheint nie aufzuhören — aber sie ist obligatorisch und wichtig. Sie ist der Preis dafür, etwas richtig und dauerhaft aufzubauen. Parallel dazu suchten wir einen Raum und bauten Beziehungen zu den öffentlichen Schulen auf. Es ist die unsichtbare Arbeit, die geschieht, lange bevor etwas Sichtbares entsteht.

Warum es das alles braucht

An einem Samstag machten wir als Familie einen Ausflug zu einem Wasserfall. Kaum angekommen, kam ein Mädchen auf mich zu und wich den ganzen Tag nicht mehr von meiner Seite. Ich war eigentlich im Pausenmodus, gar nicht offen für eine Begegnung. Aber sie war einfach da. Wir plauderten, sie spielte mit unseren Kindern im Wasser.

Als wir fragten, wo ihre Mutter sei, antwortete sie leise: Ihre Mutter sei nicht mehr da. Sie hatte sie an die Gewalt des Quartiers verloren. Heute lebt das Mädchen mit ihrer kleinen Schwester bei einer älteren Schwester. Viel zu früh musste sie Verantwortung tragen, viel zu früh erwachsen sein. Als wir gingen, kämpfte sie mit den Tränen.

Dieses Mädchen ist eine von vielen. Was sie braucht, ist kein Mitleid, sondern ein Ort, an dem sie sein darf, an dem jemand sie sieht und an dem sie Beziehungen aufbauen kann. Genau dafür entsteht Hangar.

Die ersten Treffen

Im März 2025 fanden die ersten richtigen Treffen mit den Jugendlichen statt. Ihre Namen lernen, ihre Geschichten hören, nach und nach ihr Vertrauen gewinnen — das sind die Momente, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Vertrauen verdient man nicht mit einem Versprechen. Man verdient es nur auf eine Weise: indem man immer wieder auftaucht und wirklich zuhört.

Hier beginnt Transformation. Nicht mit grossen Visionserklärungen, sondern mit Präsenz.