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Bildung & GesellschaftEinblick

Bildung & Gesellschaft — Lücken schliessen, damit das Haus weitergebaut werden kann

Warum Bildung in Brasilien am Einkommen hängt, was an öffentlichen Schulen wirklich fehlt, und wie wir im Hangar mit Bewertung, Aufgabenhilfe und Theater Schritt für Schritt Lücken schliessen.

Bettina Bossart
Bettina Bossart ·
Aktualisiert: 19. Juni 2026 · 5 Min. Lesezeit
Ein Lerntisch mit offenen Heften, Stiften und einem Buch; im Hintergrund eine kleine Bühne mit Stühlen.

Bildung heisst für uns nicht, Aufgaben abzuhaken, sondern Lücken zu schliessen, damit das Haus weitergebaut werden kann und nicht eines Tages auf seinen Löchern zusammenbricht.

In Brasilien ist Bildung fest mit dem Einkommen der Eltern verbunden. Gute Schulen kosten Geld, denn die guten Schulen sind die Privatschulen. Die untere Mittelschicht arbeitet hart, oft an zwei Stellen, nur damit die Kinder eine private Schule besuchen können. Und wer auch das nicht aufbringen kann, dem bleibt das staatliche System.

Dort fehlt es an vielem, und am häufigsten fehlt es an Lehrern. Manchmal, weil das Geld nicht reicht, um alle Stellen zu besetzen. Manchmal, weil ein Lehrer krank wird und niemand ihn ersetzt. Ein Mathematiklehrer fehlt während sechs Monaten. Eine Klasse hat ein ganzes Jahr lang weder Geschichte noch Geographie, weil die Stellen nicht besetzt werden konnten. Die tiefen Löhne zehren an der Motivation, und so wird das Klassenzimmer zu einem Ort, an dem kaum jemand Aufmerksamkeit bekommt. Viele Jugendliche sitzen mit einer einzigen Lehrperson in einem überfüllten Raum. Wer den Anschluss verliert, bekommt keine Hand, die zurückhilft.

Darum beginnt unsere Arbeit immer mit einer Bewertung, einer avaliação. Wir wollen sehen, wo jeder Jugendliche wirklich steht, bevor wir gemeinsam weitergehen. Erst dann lässt sich schliessen, was offen geblieben ist. Es geht nicht darum, durch den Stoff zu rasen, sondern darum, das Fundament neu zu legen, Stein für Stein. Immer wieder zeigt sich dabei dieselbe Not: flüssiges Lesen und flüssiges Schreiben. Wo diese Grundlage fehlt, werden kleine Lücken zu Abgründen.

Für mich war es schön zu sehen, wie aus winzigen Schritten mit der Zeit echte Verbesserungen werden, bis sich am Ende sogar die Noten verändern. Genau das meinen wir, wenn wir von Bildung sprechen. Nicht einfach Schulaufgaben erledigen, sondern Lücken schliessen, damit das Haus weitergebaut werden kann und nicht eines Tages auf seinen Löchern zusammenbricht.

Die Realität der öffentlichen Schulen

In Brasilien kämpft die untere Mittelschicht Tag für Tag um eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Sie arbeitet hart, nur damit die Kinder eine Privatschule besuchen können, weil sie weiss, wie wenig das öffentliche System zu bieten hat.

Die Bedingungen an den meisten öffentlichen Schulen sind hart. Lehrer, die schlecht bezahlt und oft entmutigt sind. Klassenzimmer, die kaum das Nötigste bieten. Schlägereien gehören zum Alltag. Und viel zu früh brechen Jugendliche die Schule ab, weil zu Hause das Geld fehlt und sie mitverdienen oder mithelfen müssen. Das ist die Realität, aus der die jungen Menschen zu uns kommen.

Wir durften an drei öffentlichen Schulen in unserer Nachbarschaft ein Projekt durchführen. Während dieser Zeit sagte die Schulleitung, dass ihnen vor- und nachschulische Programme am meisten helfen würden. Dort liegt der Anfang dieser Arbeit.

Welche Lücken wir sehen

Die Lücken, die wir bei den Jugendlichen sehen, sind grundlegend: flüssiges Lesen, Grammatik, Mathematik. Immer wieder fällt Unterricht aus, weil Lehrer fehlen. Zu Hause gibt es keinen ruhigen Ort zum Lernen. Viele tragen den Haushalt mit, helfen mit, verdienen mit, weil es an Geld und Unterstützung fehlt. So bleibt kaum Raum für eigenes Lernen, und das Selbststudium fällt weg, das eigentlich das Versäumte auffangen müsste.

Wie eine Aufgabenhilfe wirklich abläuft

Wenn die Jugendlichen zum Unterricht kommen, ist dieser bereits vorbereitet. Wir arbeiten mit einer Jahresplanung und ganz konkreten Zielen, und jede Stunde baut auf der vorherigen auf, damit ein echter Lernprozess entstehen kann. Es geht nicht nur darum, Aufgaben zu erledigen. Es geht darum, den fehlenden Schulunterricht von Grund auf wieder aufzubauen, damit das Versäumte nachgeholt werden kann und die Jugendlichen im heutigen Unterricht endlich mitkommen, weil sie die Lücken schliessen konnten.

Theater an öffentlichen Schulen

Die Projektleitung fragte die Schule, wie wir denn unterstützen könnten. Die Antwort war eindeutig: Viele Jugendliche tragen ein geringes Selbstwertgefühl mit sich, und die Schule wünschte sich ein Projekt, das genau hier ansetzt. Ich erzählte, dass ich Schauspielerin bin und ein Theaterprojekt anbieten könnte. Die Idee gefiel, und so entstand ein Programm rund um eine einzige grosse Frage: Wer bin ich? Was habe ich in meinem Koffer für die Reise durch dieses Leben? Welche Sprache, welche Talente reisen mit mir? Was kann ich?

Und dann ganz einfach: aufstehen, etwas vor den anderen spielen, mutig sein. Wenn ich als Trainerin ein Talent entdecke oder sehe, wie sich jemand verhält, und ihm das als Kompliment zurückspiegle, sind die Jugendlichen oft tief berührt. Ich habe das Gefühl, dass viele von ihnen das zu Hause kaum erleben, gesehen und gehört zu werden, einfach weil das Leben den Eltern so viel abverlangt und wenig Zeit für die Kinder bleibt.

Ich baue ganz bewusst auch auf, wie sich Theater im Alltag nutzen lässt. Wie hält man einen Vortrag in der Schule? Wie stellt man sich hin? Was hat man zu sagen? Welche Technik hilft, die Angst zu nehmen? Wer diese Elemente lernt, kann mit mehr Selbstvertrauen vor anderen stehen und Selbstwirksamkeit erleben, weil er etwas zu sagen hat. Oft sage ich zu jemandem, der während des Unterrichts viel spricht: Hör mal, du hast so viel zu sagen und zu geben, bring es jetzt ein, denn ich glaube, wir brauchen deine Geschichte. Dann sind sie ganz verwundert. Aber jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen, und genau die möchte ich herauslocken.

Ein kleines Bild für einen langen Weg

Eine Schülerin kam zum ersten Mal in den Unterricht und las nicht selbst vor, was sie vorlesen sollte, sondern bat die Lehrerin, es für sie zu tun. Die Lehrerin nahm das an und baute Schritt für Schritt Vertrauen auf. Am Anfang versteckte sich das Mädchen und konnte einem nicht in die Augen schauen. Am Ende der ersten Lektion begann sie selbst zu lesen, laut, vor der Gruppe, und sie konnte es. Diese kleinen Schritte vom Vertrauen über das eigene Sprechen bis hin zum Sich-Mitteilen sind ein grosser Lohn für uns als freiwillige Mitarbeiter.

Ich möchte aber ganz bewusst sagen, dass Erfolg in dieser Arbeit ein schwieriges Wort ist. Es braucht einen langen Weg. Vieles ist schon erlebt und versucht worden, und nun braucht es weitere, neue Impulse, bis ein Leben zum Flug kommt. Es sind viele kleine Impulse, die einen jungen Menschen dazu bringen, an sich zu glauben und eine andere Richtung einzuschlagen. Darum ist Erfolg in so kurzer Zeit kein gut messbares Wort. Es braucht vor allem viel Atem und viel Durchhalten.