Beziehungen & Rechte — Warum Vertrauen jeder Bewegung vorausgeht
Wie Vertrauen, 1:1-Begleitung durch Livia und die Arbeit mit Familien die vierte Säule von Hangar tragen — und warum der Teenager im Zentrum seiner eigenen Entscheidung bleibt.
Wir setzen Impulse. Der Teenager entscheidet sich zu bewegen. Und dann gehen wir mit ihm in die Richtung, die er wählt.
Einem Teenager zu sagen, dass die Schule wichtig ist, klingt vernünftig. Doch viele Schritte lassen sich nur über Vertrauen gehen, und dieses Vertrauen entsteht nicht durch einen guten Ratschlag. Ein Teenager vertraut erst, wenn er dein Leben sieht und merkt, dass du es ehrlich gut mit ihm meinst — denn sein ganzes Umfeld erzählt ihm eine andere Geschichte.
Das Geld in einer Gang ist oft der einfachere Weg, etwas zu verdienen. Manchmal wird von ihm verlangt, schon ganz früh mitzuhelfen und Geld nach Hause zu bringen, also liefert er nach der Schule Essen aus. Am Ende ist er zu müde, um sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Und zu Hause leben oft so viele Menschen auf engem Raum, dass es keinen ruhigen Ort zum Lernen gibt.
Wer in dieses Leben hineinruft «Bildung zählt», bleibt Geräusch. Wer diesen Glauben aber lebt, auftaucht, echte Fragen stellt und wirklich zuhört, der öffnet einen Spalt, durch den eine andere Möglichkeit eintreten kann. Genau deshalb ist Beziehung die vierte Säule. Erst das Vertrauen erlaubt es uns, einen Teenager zu ermutigen und ihn herauszufordern, einige Schritte zu wagen.
Und doch bleibt der Teenager im Zentrum seiner eigenen Entscheidung. Wir können sie nicht für ihn treffen. Was wir tun, ist Impulse setzen — Anstösse, die ermutigen, die bewegen, die vielleicht einen neuen Horizont öffnen. Ein Impuls steht immer vor jeder Bewegung. Wir setzen Impulse, der Teenager entscheidet sich zu bewegen, und dann gehen wir mit ihm in die Richtung, die er gewählt hat. Das ist es, was Hangar von einer Schule oder einem Programm unterscheidet.
Die 1:1-Begleitung mit Livia
Weil die Struktur des Viertels die Teenager echten Gefahren aussetzt, wollen wir ihnen nahe sein. Hangar beschäftigt dafür Livia, die jeden einzelnen 1:1 begleitet. Es geht nicht darum, zu belehren, sondern darum zu wissen, was in ihrem Leben wirklich geschieht.
Wenn ein Teenager bei seiner Grossmutter lebt und die Grossmutter verunglückt, dann ist von einem Moment auf den anderen die einzige Bezugsperson weg — vielleicht für eine Weile, vielleicht für immer. Sind wir nah genug dran, wissen wir, was geschieht, und können besser unterstützen. So viele Faktoren bewegen sich täglich, und was heute gut läuft, läuft morgen vielleicht schon nicht mehr. Inmitten all dieser Ungewissheit wollen wir der eine Faktor sein, der gewiss und sicher ist. Darum treffen wir uns regelmässig, alle paar Monate, und schauen gemeinsam: Wo steht der Teenager jetzt, und wo liegt das Ziel?
Warum wir mit Eltern und Bezugspersonen arbeiten
Die allermeisten Teenager leben noch zu Hause oder sind mit Bezugspersonen unterwegs. Darum ist es uns wichtig, keine Ziele über deren Köpfe hinweg zu platzieren, sondern mit ihnen zu arbeiten. Viele sind von ihrem System zu Hause abhängig, und wenn dieses System nicht funktioniert, können wir noch so schöne Ziele setzen — alleine erreichen lassen sie sich nicht.
Ein Beispiel: Ein junger Mensch braucht Medikamente, und die Mutter entscheidet von einem Tag auf den anderen, damit aufzuhören. In diesem Fall kann der Sohn gar nicht allein entscheiden, es läuft über die Bezugsperson. Sind wir der Mutter nahe genug, können wir sie ermutigen, wieder zum Arzt zu gehen, damit die Medikamente so eingestellt werden, dass der Sohn weiter wachsen kann und keinen Schaden nimmt.
Teenager haben es zu Hause oft schwer. Sie sind in einem Alter, das schon von sich aus herausfordert, und dazu kommt die instabile Lage. Wenn wir den Eltern dann helfen, Brücken zu ihren Teenagern zu bauen, statt Brücken abzureissen, ist es ein Gewinn für alle.
Was «Rechte» im Namen der Säule bedeutet
Viele Teenager haben grundlegende administrative Schritte nie erledigt. Es fehlen Registriernummern oder Steuernummern, die in Brasilien schon im Kindesalter wichtig sind. Ohne sie bleibt vieles verschlossen — sie kommen nicht in Museen, können kulturelle Angebote nicht nutzen und bleiben so vom allgemeinen Leben der Gesellschaft ausgeschlossen.
Darum helfen wir ihnen, diese Nummern zu bekommen. Oder wir vermitteln sie an die Ämter, denn manche Abläufe können nur dort entschieden werden. So bringen wir Hilfe ins Rollen und öffnen Türen, die sonst verschlossen blieben. Das ist Rechtearbeit: nicht theoretisch, sondern ganz praktisch. Das Recht, zu seiner Stadt zu gehören.
Das Schwierigste an der Beziehungsarbeit
Die Teenager sind in sehr instabilen, oft traumatisierten Verhältnissen aufgewachsen. Das macht sie heute unzuverlässig: einmal kommen sie, einmal nicht, und sie sind vielen Einflüssen ausgeliefert. Es braucht einen sehr langen Atem. Sie kommen, dann bleiben sie wieder weg — und das anzunehmen, ohne sie zu verurteilen oder zu kritisieren, ist das Schwierigste.
Wenn sie zurückkommen, nehmen wir sie wieder auf und setzen erneut Impulse. Wir hoffen, dass sie ihre Fluglinie ändern, denn für viele kommt der Tag, an dem sie es können. Manche können es noch nicht. Die Herausforderung ist, ihre Unbeständigkeit zu akzeptieren, ohne ihnen je die Tür zu schliessen — Impuls nach Impuls, ohne Druck, ohne Manipulation.
Eine ehrliche Notiz zum Schluss
Unser Projekt ist erst sechs Monate unterwegs. Das ist zu kurz, um tiefe Begleitung und ihre Früchte schon sehen zu können. Aber ich habe eine ähnliche Arbeit bereits in der Schweiz geleitet, und Jahre später, fünfzehn, achtzehn Jahre danach, habe ich von Teenagern von damals gehört, wie viel Halt ihnen das in ihrer Kindheit gegeben hat. Dort kann ich zurückschauen.
Hier sind es vorerst kleine Schritte und kleine Erfolge — und die feiern wir. Die grossen Verwandlungen schreibt man nicht in sechs Monaten. Doch das Vertrauen wächst, und genau dort, in der Beziehung, wird Veränderung möglich.